Arbeit in der Elternzeit: Grundregeln & Tipps (2)

Arbeit in der Elternzeit: Grundregeln & Tipps (2)
Arbeit in der Elternzeit: Grundregeln & Tipps (2)

Letzte Woche haben wir versucht, die Entscheidung „Arbeit in der Elternzeit – wollen wir das?“ mit einigen Grundüberlegungen zu erleichtern. Heute sind wir einen Schritt weiter: Wir haben uns entschieden, die Herausforderung Eltern-Teilzeit anzugehen und bald geht es los. Einige Grundregeln, die uns helfen werden, die neue Situation für unseren Nachwuchs und uns selbst zu einer schönen Zeit zu machen.

Im Zweifel geht das Kind vor, was sonst?

Es mag eine Selbstverständlichkeit sein, aber es kann helfen, wenn wir sie uns in ihrer Tragweite verdeutlichen: Wir haben uns entschieden, ein Kind zu haben und sind nun für sie oder ihn verantwortlich. Besonders in den ersten Monaten seines Lebens kann unser Kind ohne uns nicht existieren; das ist eine große Verantwortung. Sie verpflichtet uns nicht zum Perfektionismus (und Gott weiß, es fällt schwer, gerade hier nicht diesen absoluten Maßstab an uns selbst zu halten, aber es bedeutet, dass im Zweifel die Bedürfnisse des Kindes vorgehen. Vor das, was die Arbeit von uns fordert und – auch wenn das unpopulär ist und nicht aus der Balance geraten darf, denn wir sind ebenfalls wichtig! – oft auch vor unseren eigenen Bedürfnissen. Ein Kind lässt sich nicht durchplanen wie ein Meeting mit Untergebenen. Und unsere Teilzeit-Elternzeit wird voller Situationen sein, in denen der Plan nicht aufgeht, weil unser Kind eben gerade nicht „mitspielt“. Deshalb: Im Zweifel geht das Kind vor, was auch sonst? Und ich verspreche: jedes einzelne Mal, wenn wir es geschafft haben, in einer Situation, in der Elternzeit und Teilzeit-Arbeit kollidieren, halbwegs entspannt geblieben sind, uns um das Kind gekümmert haben und die Arbeit eben kurz warten musste, werden wir im Nachhinein feststellen, dass sich die Erde trotzdem weitergedreht hat.

Nur das kontrollieren wollen, was wir kontrollieren können und sollten

Wenn ich überlege, was mir als Vater am schwersten fällt, ist es wohl die Tatsache, dass ich eben nicht alles kontrollieren kann, was meine Kinder betrifft. Genauso wenig wie ich die Freunde meiner Kinder aussuche, kann ich bestimmen, dass der Mittagsschlaf immer genau gleich lang dauert. Und ich kann zwar versuchen, die Wohnung auch in der Brei-Fütter-Phase immer auf Hochglanz zu halten, aber auch hier gilt: der Tag hat nur 24 Stunden und ich muss mir überlegen, ob es sich wirklich lohnt, die Hälfte der Zeit mit dem Putzlappen in der Hand herumzurasen. Elternschaft und eben auch Elternzeit bedeutet auch: Kontrolle abgeben, mal Dinge gut sein lassen. Das heißt nicht, Chaos zum gültigen Grundprinzip zu erklären! Eine vernünftige, regelmäßige Tagesstruktur ist zum Beispiel mit das wertvollste, was wir für das Zufriedensein unserer Kinder tun können, darin sind sich alle ernst zu nehmenden Experten (siehe unten) einig. Aber es geht nicht darum, aus unseren Kindern kleine Soldaten zu machen. Wenn jede Minute des Tages verplant ist, wie wollen wir unsere Kinder kennenlernen und sie uns? Also im Zweifel weniger vornehmen und nur das kontrollieren, was wir kontrollieren können. Denn wir können fast nichts von dem, was auf uns zukommt, wirklich kontrollieren, aber wir können kontrollieren, wie wir damit umgehen. Und je gelassener wir das tun, desto besser.

Getrennte Arbeitszeiten

Ja, ich habe mal im Prenzlauer Berg gelebt und ja, ich habe auch ab und zu zu den Vätern gehört, die E-Mails beantwortet haben, während mein Kind daneben im Sandkasten gespielt hat. Ich sage auch nicht, dass das immer falsch ist, aber mich hat dieses „Multitasking“ auf Dauer nur gestresst und das hat meine Tochter genau gemerkt. Ja, ich muss die zugesagte Arbeitszeit in der Elternzeit irgendwo unterbringen aber erstens nur im zugesagten Umfang und zweitens nicht zwingend dann, wenn mein Kind wach ist und meine Aufmerksamkeit möchte. Lässt sich das immer perfekt organisieren? Nein. Lässt sich das in der Regel vernünftig organisieren, wenn sich erst einmal ein vernünftiger Tagesrhythmus eingespielt hat. Ja. Es gibt Abende, Mittagsschlafzeiten, Wochenenden und im Zweifel, wir hatten es bereits gesagt, dreht sich die Welt weiter, wenn die Arbeit mal warten muss. Wirklich.

Vorsicht bei den Ratgebern!

Super-Nannies gibt es nicht nur im Fernsehen. Es gibt sie überall, die Väter und Mütter, die alles perfekt machen und deren Sendungsbewusstsein so groß ist, wie das eines evangelikalen Missionars. Und die Bücher über kindliche Entwicklung und Erziehung füllen ganze Buchläden. Ich weiß, das mag radikal klingen, aber ich habe für mich festgestellt, dass ich eigentlich nur aus 4 Quellen wirklich gute Ratschläge für mein Vater-Sein gezogen habe:

  1. Von meiner Frau (da habe ich einfach Glück gehabt)
  2. Aus meinem Bauch (es hat etwas gedauert, bis ich gelernt hatte, auf den zu hören)
  3. Aus „Babyjahre“ des Schweizer Kinderarztes Remo Largo (wenn Sie nur ein Buch über Entwicklung und Erziehung kaufen, dann bitte dieses)
  4. Aus diversen Artikeln und Interviews des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul (der Mann ist völlig zurecht so berühmt, wie er ist)

In Kürze an dieser Stelle: Grundregeln, Gelassenheit und bewusstes Entscheiden, alles richtig. Aber was können wir praktisch tun, um Teilzeit-Arbeit und Elternzeit halbwegs unter einen Hut zu bringen? Warnung: An einem Minimum an Selbstorganisation führt kein Weg vorbei.

Dr. Andreas Kellner

Andreas Kellner ist Vater zweier Töchter, promovierter Politikwissenschaftler und Geschäftsführer dreier Firmen. Selbstorganisation war für ihn lange reine Notwehr, heute gibt er Seminare zum Thema.

Arbeit in der Elternzeit: Grundregeln & Tipps (1)

Arbeit in der Elternzeit: Grundregeln und Tipps
Arbeit in der Elternzeit: Grundregeln und Tipps

Arbeiten in der Elternzeit ist so etwas wie die extremste Form der Herausforderung, Elternschaft und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Besonders schwierig kann das für diejenigen von uns sein, denen eben beides, die Familie und die Arbeit, wichtig sind. Einige grundsätzliche Überlegungen sind sinnvoll, damit der Spagat (der es immer ist) nicht zur Zerreißprobe wird.

Arbeit in der Elternzeit: Bewusst entscheiden

Sicher, für viele von uns ist die Frage, ob wir in der Elternzeit arbeiten wollen, gar keine ganz offene. Gerade in der Selbständigkeit ist des komplette Aussetzen für mehrere Monate oder länger nichts, was einem oder einer leicht fallen wird. Dennoch: Genauso bewusst, wie wir uns für unsere Kinder und unseren Beruf entschieden haben (hoffentlich), sollten wir uns auch für die Elternzeit mit Teilzeit-Arbeit entscheiden. Die Fragen „Will ich das?“ und „Warum mache ich das?“ gehören genauso zur Vorbereitung, wie die Informationsbeschaffung zum „technischen Ablauf“ (Rechte, Pflichten gegenüber dem Arbeitgeber, Elterngeld etc.), zum Beispiel auf den Seiten des zuständigen Bundesministeriums. Denn eine Entscheidung, die wir bewusst, also in Kenntnis der Konsequenzen und unserer Gefühlslage getroffen haben, wird eine sein, die wir, auch wenn es mal knirscht (und das wird es) leichter tragen und gelassener umsetzen, als eine, zu der wir uns genötigt gefühlt haben.

Arbeit in der Elternzeit: Realistisch planen

„Man kann nicht alles haben“, diese schöne und leider wahre Binsenweisheit gilt in der Teilzeit-Elternzeit doppelt und dreifach: Der Tag wird weiterhin nur 24 Stunden haben und „100% Familie plus 100% Arbeit“ wird einfach nicht funktionieren. Gerade für Menschen, die es gewohnt sind, bei der Arbeit nicht auf die Uhr zu sehen, ist jede Form von Teilzeit eine echte Herausforderung, denn man kann eben nicht zur Not einen 13+ Stunden-Tag einlegen. Unsere erste Aufgabe und große Chance in der Elternzeit ist es, uns um ein Kind kümmern zu können und seine meist ersten Monate auf der Welt begleiten zu dürfen. Das ist „Job one“, wie die Amerikaner sagen. Es gilt also, ganz realistisch und extrem konservativ zu überlegen, was wir daneben an Arbeitszeit einrichten können und – noch wichtiger – was wir überhaupt an der Arbeit realistisch leisten können. Hier gilt es, gerade für beruflich ehrgeizige Menschen, kühles Erwartungsmanagement zu betreiben, mit der Maßgabe: lieber positiv überrascht, als ständig frustriert. Je nachdem, wie die Elternzeit in der Partnerschaft geplant ist, macht es Sinn, zu Beginn erst einmal nur diejenigen Stunden fix für die Arbeit einzuplanen, die der Partner bzw. die Partnerin sich um das Kind kümmert. Denn: Mag sein, dass unser Kind zwei Wochen nach Beginn der Elternzeit zuverlässig und täglich 2 Stunden Mittagsschlaf hält und wir an den Schreibtisch können, aber planen sollten wir damit nicht und schon gar nicht von Tag 1. Beide, Kind und Elternteil, werden Zeit brauchen, sich an die neue Situation zu gewöhnen, insbesondere dann, wenn zuvor der andere Partner zu Hause war.

Arbeit in der Elternzeit: Offen kommunizieren

Sowohl in der Partnerschaft als auch im Verhältnis zum Arbeitgeber ist die Elternzeit auch ein Aushandlungsprozess, gerade wenn Teilzeit-Arbeit hinzukommt. Und wenn die Verhandlungen erst einmal abgeschlossen sind, gelten hier wie dort die gemachten Zusagen. Wir haben oben bereits dafür plädiert, bewusst an die Sache heranzugehen. Komplementär dazu sollten wir das, was wir wollen und das, was wir nicht wollen, von Beginn des Entscheidungsprozesses an offen kommunizieren, zu Hause wie an der Arbeit. Es wird aufregend genug, was wir nicht brauchen, sind „Du hast aber doch gesagt, dass Du …“-Streit und böses Blut im Büro.

Nächste Woche: Wir haben uns entschieden, die Herausforderung Eltern-Teilzeit anzugehen und bald geht es los. Einige Grundüberlegungen als „Last-Minute-Checkliste“.

Dr. Andreas Kellner

Andreas Kellner ist Vater zweier Töchter, promovierter Politikwissenschaftler und Geschäftsführer dreier Firmen. Selbstorganisation war für ihn lange reine Notwehr, heute gibt er Seminare zum Thema.

Extremfall für Selbstorganisation: Arbeit in der Elternzeit

Arbeit in der Elternzeit: Extremfall für die Selbstorganisation
Arbeit in der Elternzeit: Extremfall für die Selbstorganisation

Mein Fazit nach dem ersten Mal Elternzeit mit Teilzeit-Arbeit lautete vor einigen Jahren: Das mache ich nie wieder. Mein Fazit nach dem zweiten Mal (Teilzeit-) Arbeit in Elternzeit, einige Jahre später: Besser, aber noch lange nicht gut.

Teilzeit-Elternzeit: Normalität und Extremfall

Auf ein Minimum an Selbstorganisation können die wenigsten von uns verzichten. Wenn wir zu den berufstätigen Eltern zählen, können wir es gar nicht. Und der nochmalige Extremfall ist das Vorhaben, in der Elternzeit weiter in Teilzeit einer Arbeit nachzugehen. Und dabei meine ich gar nicht nur die institutionalisierten Elternzeit-Monate, sondern im Prinzip jede Zeitspanne, in denen wir unsere Kinder entweder nicht den ganzen Tag betreuen lassen wollen, oder die Möglichkeit dazu schlicht nicht besteht.

Warum überhaupt Arbeiten in der Elternzeit?

Man kann gute Gründe finden, Teilzeit-Elternzeit erst gar nicht in Betracht zu ziehen. Denn für die Mehrheit von uns, die nicht mit unendlicher Gelassenheit  oder natürlichem Organisationsgenie gesegnet sind, ist das kein Zuckerschlecken. Warum also überhaupt in der Elternzeit arbeiten wollen? Nun ja, im Prinzip sind die möglichen Gründe die gleichen, die uns auch dazu bringen, nicht einfach nach der Geburt der Kinder überhaupt den Job für mindestens einige Jahre sein zu lassen. Ja, ich weiß, dass das vielerorts noch die Regel ist, gerade für die Mütter. Aber erstens muss das jede und jeder selbst entscheiden und zweitens sind doch die meisten unter uns froh, dass die Zeiten, in denen wir gegen den Zwang von gesellschaftlichen Rollenvorstellungen überhaupt nichts tun konnten (machen wir uns nichts vor: es ist immer noch schwierig genug) vorbei sind.

Also zurück zur Sache: Arbeit in der Elternzeit kann wirtschaftlich notwendig sein, zum Beispiel für die Selbständigen unter uns. Es kann aber auch einfach so sein, dass wir – Stichwort berufstätige Eltern im Allgemeinen´- gar nicht das eine lassen wollen, um das andere tun zu können. Das kann man jetzt als überzogenes Anspruchsdenken der Generation „Y“, oder wo im Alphabet wir da gerade sind, ablehnen, aber diese Diskussion ist uns dann doch zu platt, um sie hier zu befeuern. Wir wollen an dieser Stelle praktische Lösungen diskutieren und nicht pseudo-Gesellschaftskritik betreiben.

Elternzeit als (emotionale) Herausforderung

Fakt ist: Für Menschen, denen ihre Kinder UND ihre Arbeit wichtig sind, ist jeder Versuch diese beiden Pole zu verbinden, eine Herausforderung und die Engführung, die das Arbeiten in der Elternzeit darstellt, umso mehr. Herausgefordert sind wir, was unsere Kräfte angeht, aber auch und vor allem emotional. Denn wenn uns zwei Dinge wichtig sind, wollen wir beiden gerecht werden, am liebsten zu 100%. Garniert mit ein wenig (oder viel) Perfektionismus und entsprechend hohen Erwartungen an uns selbst und die Fallhöhe, die die Herausforderung Teilzeit-Elternzeit für uns bereithalten kann, erreicht schnell Sprungturm-Höhe.

Zu Beginn hatte ich von meinen beiden Fazits gesprochen und ja, die zweite Eltern-Teilzeit-Erfahrung war besser als die erste, aber immer noch ein Brocken. Was also lief beim zweiten Mal besser und was nicht? Kurz gesagt: Ich habe einige sinnvolle Grundregeln gelernt und beherzigt, andere Dinge waren entweder schwerer zu lernen oder umzusetzen. Beginnen wir mit den Grundregeln; gleich nächste Woche an dieser Stelle.

Dr. Andreas Kellner

Andreas Kellner ist Vater zweier Töchter, promovierter Politikwissenschaftler und Geschäftsführer dreier Firmen. Selbstorganisation war für ihn lange reine Notwehr, heute gibt er Seminare zum Thema.