Selbstorganisation ist Gehirn-Entlastung

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Selbstorganisation ist Gehirn-Entlastung
Selbstorganisation ist Gehirn-Entlastung

„Du machst ja nur noch, was auf Deiner ****** To Do-Liste steht!“ Mit diesem Vorwurf seitens meiner Frau sah ich mich am letzten Wochenende konfrontiert. Meine Erwiderung begann mit dem Hinweis auf die aus meiner Sicht unwahre Generalisierung, was taktisch vermutlich ein Fehler war, denn ganz offenbar ging es hier nicht um rhetorische Finessen, sondern um eine handfeste Anklage. Hatte ich meine Versuche der Selbstorganisation – manifest unter anderem in einer auch am Wochenende sichtbaren Aufgabenliste – übertrieben und mich zum Diener einer externen Instanz (eben dieser Liste) gemacht? Entlaste ich mein Gehirn durch meine Selbstorganisation oder schwäche ich es durch „Unterbenutzung“?

Selbstorganisation vs. Gehirn-Nutzung?

David Allen, der US-Guru im Bereich Selbstorganisation und Zeitmanagement, ist mit dem Ausspruch berühmt geworden, dass unser Gehirn da sei, um Ideen zu haben und nicht, um sie zu behalten. Ich vertrat lange Zeit meiner unwiederbringlich verlorenen Jugend damit, dem implizit zu widersprechen: „Ich brauche mir nichts aufzuschreiben; mein Gehirn merkt sich alles.“, lautete in etwa mein stolzes Credo. Das ging so lange gut, wie es nicht mehr gut ging: Spätestens in meinem ersten Versuch, Elternzeit und Beruf zu verbinden, war schnell deutlich, dass ich sozusagen negative Selbstorganisation betrieb. Die Dinge, um es vorsichtig auszudrücken, begannen, mir zu entgleiten.

Selbstorganisation als Gehirn-Entlastung

Gegenbild: Heute lasse ich mich auch an wichtige private Ereignisse per E-Mail erinnern, um zum Beispiel eben nicht auf Last-Minute-Geschenk-Einkaufstouren angewiesen zu sein. Ist das ein Ausdruck meiner fehlenden Wertschätzung für die Person, um die es geht? Aus meiner Sicht: nein. Wie kann die Tatsache, dass ich bei allem, was mit dem betreffenden Jahrestag zu tun hat, absolut sicher gehen wollte, mangelnde Wertschätzung sein? Aber zurück zur Eingangsfrage: Schwäche ich mein Gehirn, wenn ich es von „Erinnerungs-Ballast“ entlaste? Die Auskunft der Hirnforschung ist (glücklicherweise) nuanciert: Unser Gehirn ist ein äußerst plastisches Gebilde, das sich, selbst im hohen Alter, ständig in Veränderungsprozessen befindet. Im Grundsatz werden dabei diejenigen Verschaltungen, die häufig genutzt werden, erhalten und diejenigen, die nicht benutzt werden, ausgelöst. So funktioniert erinnern und vergessen. Das muss auch so sein, denn sonst wäre unser Gehirn irgendwann „voll“.

Was vergessen wir und was nicht?

Insofern: Ja, wenn ich mein Gehirn aktiv über ein System der Selbstorganisation (und sei es Zettel und Stift) vom Erinnern-müssen entlaste, ist es durchaus möglich, dass ich dem Vergessen Vorschub leiste. Und zwar dem Vergessen von Dingen, die ich ja nun aufgeschrieben habe und die mein Gehirn nicht mehr selbst erinnern muss. Davon werden aber praktisch nie Dinge betroffen sein, die für mich (und damit für mein Gehirn) ohnehin große emotionale Wichtigkeit besitzen, denn die damit verknüpften Verschaltungen werden weiterhin benutzt. Oder einfacher: Davon, dass ich mich 3 Monate vor dem Geburtstag meiner Frau an ein mögliches Geschenk erinnern lasse, werde ich ihren Geburtstag nicht vergessen.

Das Gehirn priorisiert gnadenlos

Umgekehrt kann man so weit gehen, zu sagen, dass die Dinge, die ich vergesse, den Sprung in die „Wichtig“-Kategorie meines Gehirns schlicht nie geschafft haben. Besonders unser Kurzzeitgedächtnis und das sogenannte „Arbeitsgedächtnis“, das neue Informationen mit bestehenden Verknüpfungen verbindet, sind einem äußerst gnadenlose Filtersystem unterworfen, das sich evolutionär ganz offenbar bewährt hat. Im zwischenmenschlichen Bereich, aber natürlich auch im beruflichen Alltag, können diese Filter schnell zu Problem werden: Der Vorwurf „Du hast mir gar nicht zugehört!“ müsste vermutlich sehr oft eigentlich lauten: „Dein Gehirn hat das, was ich gerade gesagt habe, nicht für wichtig gehalten!“. Beiden Anwürfen gemein ist, dass es auf sie keine glückliche Antwort gibt…

Selbstorganisation wider das Reptilientum

Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen: To Do-Listen führen sicher nicht zur Schwächung des Gehirns. Im besten Fall führen sie dazu, dass ich mich auf eine Sache konzentriere und nicht versuche, mir gleichzeitig noch 5 weitere zu merken. Selbstorganisation trägt also zunächst einmal der Tatsache Rechnung, dass unser Gehirn eben eine äußerst effiziente interne Priorisierung betreibt. Dass unser Denkorgan nicht jeder Aufgabe große oder gar Lebens-Wichtigkeit zuschreibt, ist so nötig wie sinnvoll. Dass wir uns externer Werkzeuge bedienen, um dennoch zuverlässig Dinge zu tun, die wir tun wollen oder müssen, mach ebenfalls Sinn. Denn wozu sind wir dem Reptilien-Stadium entwachsen, wenn wir uns nicht da, wo unser Gehirn für unser Glück im beruflichen oder privaten Kontext zu radikal priorisiert, über die reine Biologie hinwegsetzen?

Eine Fülle von Informationen zur Funktion unseres Gehirns gibt es auf dasgehirn.info

Zur „Gnadenlosigkeit“ der Filterung vor allem im Kurzzeitgedächtnis gibt es einen sehr interessanten Artikel auf spektrum.de

 

Dr. Andreas KellnerAndreas Kellner ist Vater zweier Töchter, promovierter Politikwissenschaftler und Geschäftsführer dreier Firmen. Selbstorganisation war für ihn lange reine Notwehr, heute gibt er Seminare zum Thema.

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