Ziele erreichen vs. Ziele verfehlen – wo ist normal?

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Ziele erreichen - Ziele verfehlen: wo ist normal?
Ziele erreichen – Ziele verfehlen: wo ist normal?

Es war einmal eine Frau, die alle ihre Ziele erreichte und nie eines verfehlte. Als sie starb, war sie der glücklichste Mensch der Welt. Glauben Sie nicht? Vermutlich zu Recht. Je nachdem, wen man fragt, ist Ziele erreichen das Schwerste oder Leichteste auf der Welt. Und solche Behauptungen sind vermutlich ebenso sehr von der jeweiligen Selbstwahrnehmung beeinflusst, wie von Lebenssituation, Kommunikationsstrategie oder momentaner Stimmung. Was Andere über das Erreichen von Zielen sagen, könnte uns herzlich egal sein, wären da nicht zwei Faktoren: Erstens haben wir bereits festgestellt, dass die Frage, ob wir Ziele erreichen oder verfehlen für die meisten von uns ein wichtiger Faktor des persönlichen Wohlergehens ist (zum Artikel Ziele erreichen – Warum eigentlich?). Zweitens kommen wir, wenn wir denn vorhaben, künftig mehr unserer Ziele zu erreichen, nicht um irgendeine Form von Maßstab herum und da wirken die allgegenwärtigen Erfolgsgeschichten (und Misserfolgsgeschichten!) – so sind wir Menschen nun einmal – beinahe unwiderstehlich.

Ziele erreichen vs. Ziele verfehlen – Der Maßstab

Nun bestreitet niemand die inspirierende Wirkung von Erfolgsgeschichten einerseits und das Beruhigungs-Potential von Beispielen des Scheiterns (auch) anderer. Aus meiner persönlichen Erfahrung würde ich allerdings stark dazu tendieren, weder die Perfektion, noch deren Gegenteil als taugliche Messlatte für die Praxis gelten zu lassen. Wenn diese Praxis bedeutet, dass ich beschlossen habe, mehr Zeit und Energie in das Erreichen meiner Ziele zu investieren, dann stellt sich schnell die Frage, wo im Spektrum von Ziele erreichen und Ziele verfehlen „normal“ ist. Denn wenn ich etwas ändern will, ist irgendeine Art von Erfolgskontrolle notwendig – wie sonst weiß ich, ob mein Änderungs-Vorhaben funktioniert hat oder ich in die falsche Richtung laufe?

Ziele erreichen – was ist mein „normal“?

Das einprägsamste Beispiel für intelligente Erfolgskontrolle, das ich je am eigenen Leib erfahren durfte, wurde mir erst im Nachhinein als solches deutlich: Vor gut 13 Jahren befand ich in einer weniger glücklichen Phase meines Lebens und hatte bereits zahlreiche Ärzte, Therapeuten und Behandlungsmethoden durchlaufen, um mich meiner Rückenschmerzen zu entledigen. An einem Wintertag unternahm ich einen neuen Anlauf in dieser Richtung und suchte einen Schmerzmediziner auf, der mich zu meiner Überraschung zunächst bat, in die Webcam seines Computers zu sehen; er mache immer Fotos von neuen Patienten. Um es gleich vorwegzunehmen: Nein, der Mann erwies sich nicht als Wunderheiler, aber als guter Ratgeber und erfrischender Gesprächspartner. Einige der Dinge, die ich in den nachfolgenden Jahren unternahm, um meine Schmerzen in den Griff zujbekommen, geschahen auf seinen Rat. Als ich drei Jahre später wieder einmal zu ihm in die Praxis kam – eigentlich unzufrieden, da meine Schmerzen immer noch nicht komplett verschwunden waren – begrüßte er mich wieder mit der Bitte um ein Foto, er habe gesehen, dass das, was er von mir habe, nicht mehr aktuell sei. Er machte das Foto, schmunzelte forderte mich dann auf, mir die beiden Bilder anzusehen.

Ein Foto vom IST

Es kam, was vermutlich kommen musste, was mich aber in jenem Moment dennoch völlig überraschte. Das „alte“ Bild zeigte einen blassen Mann mit verschlossenem Gesicht, das neue einen mit gesunder Gesichtsfarbe und offenem Blick. Der Arzt grinste mich breit an und ich musste lachen. Meine Unzufriedenheit, dass nach mittlerweile 5 Jahren meine Schmerzen noch immer nicht völlig verschwunden waren, hatte der Erkenntnis (oder vielleicht richtiger: dem Eingeständnis) Platz gemacht, dass es mir nicht nur deutlich besser ging, sondern dass sich mein Leben längst nicht mehr um die Schmerzen drehte.

Mein Punkt ist klar geworden, denke ich: Wenn Ihr Ziel ist, mehr Ihrer Ziele zu erreichen, dann ist die Benchmark, um die es eigentlich geht, nicht irgendwer, sondern Sie selbst, Ihr eigenes „IST“. Sie möchten etwas verändern, also ein „neues Normal“ erreichen. Einer der ersten Schritte sollte daher sein, Ihr gegenwärtiges Normal festzuhalten. Wie das praktisch gehen kann, werden wir uns in nächster Zeit genauer ansehen.

 

Dr. Andreas KellnerAndreas Kellner ist Vater zweier Töchter, promovierter Politikwissenschaftler und Geschäftsführer dreier Firmen. Selbstorganisation war für ihn lange reine Notwehr, heute gibt er Seminare zum Thema.

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